Barriere-Unfreiheit am Durlacher Bahnhof
Manchmal liefert die Realität die besten Glossen – unser Durlacher Bahnhof ist dafür das beste Beispiel.
Denn während in Deutschland über Digitalisierung, Mobilitätswende und moderne Infrastruktur diskutiert wird, schafft man es hier seit sage und schreibe 1990 nicht, einen barrierefreien Zugang von der Untermühlsiedlung zum Bahnhof oder von der Unterführung zu den Stadtbahngleisen zu realisieren. Ja, richtig gelesen: Seit dem letzten Jahrhundert wird geplant, diskutiert, verworfen, verschoben und vermutlich auch Kaffee getrunken — nur gebaut wurde nichts.
Aktuell zeigt sich das Problem deutlicher denn je: Aufgrund der Baumaßnahmen am Ortseingang Durlach werden die Straßenbahnlinien 1 und 2 ab September 2026 bis voraussichtlich Ende November 2026 an den Gleisen 11 und 12 enden — also genau dort, wo man besonders eindrucksvoll erleben darf, wie kreativ Verkehrsbetriebe beim Thema „Barrierefreiheit“ werden können.
Denn wer mit Rollstuhl, Rollator, Kinderwagen oder eingeschränkter Mobilität unterwegs ist, steht dort vor einer spannenden Herausforderung: Wie gelangt man eigentlich in die Unterführung des Bahnhofs?
Die offizielle Antwort klingt dabei wie ein verspäteter Aprilscherz.
Auf Anfrage von Durlacher.de erklärten die Verkehrsbetriebe sinngemäß, dass bei Baumaßnahmen eben Umwege in Kauf genommen werden müssten. Außerdem könnten Reisende sich ja gegenseitig helfen. Mit anderen Worten: Vielleicht trägt man künftig gemeinsam Rollatoren, Kinderwagen oder — warum nicht gleich — Rollstühle die Treppen hinauf und hinunter.
Teamwork am Bahnhof.
Fehlt eigentlich nur noch die Durchsage:
„Sehr geehrte Fahrgäste, bitte halten Sie beim Aussteigen jeweils zwei kräftige Personen für den Transport mobilitätseingeschränkter Reisender bereit.“
Man muss sich das einmal vorstellen:
Im Jahr 2026 gilt es offenbar weiterhin als akzeptable Lösung, dass Menschen mit Behinderungen auf die Hilfe Mitreisender angewiesen sind, um einen Bahnhof benutzen zu können.
Dabei ist das Problem keineswegs neu. Seit Jahrzehnten wurden verschiedenste Planungen und Lösungsansätze angekündigt, präsentiert oder diskutiert — nur um anschließend wieder in irgendwelchen Schubladen zu verschwinden. Das Ergebnis: Bis heute gibt es weder von der Untermühlsiedlung noch von den Gleisen 11 und 12 einen barrierefreien Zugang zur Unterführung.
Die, von den Karlsruher Verkehrsbetrieben vorgeschlagene, „Alternative“ klingt ebenfalls beeindruckend alltagstauglich:
Menschen mit Mobilitätseinschränkungen sollen doch einfach erst an den Hauptbahnhof Karlsruhe fahren, dort in einen Regionalzug oder eine S-Bahn umsteigen und anschließend wieder zum Durlacher Bahnhof zurückfahren.
Eine Art barrierefreie Stadtrundfahrt.
Obwohl, selbst am Hauptbahnhof kann man nicht ebenerdig aussteigen. Aber das hat sich offenbar noch nicht bis zum KVV herumgesprochen.
Also verlässt man sich eben weiterhin lieber auf hilfsbereite Mitmenschen. Schließlich gehört Abenteuer ja irgendwie zum öffentlichen Nahverkehr.
Wir finden: Das ist kein Organisationsproblem mehr, sondern ein Armutszeugnis der Mitmenschlichkeit.
Dass dieser Zustand seit Jahrzehnten besteht, ist schwer nachvollziehbar.
Dass er nun während der Baumaßnahmen am Ortseingang Durlach noch deutlicher sichtbar wird, macht die Situation endgültig untragbar.
Barrierefreiheit ist kein Luxus.
Und sie sollte auch keine Mutprobe sein!
Zum Thema siehe auch Durlacher.de
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